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MEINUNGEN | Pro & Kontra

Neue Wege in der Verkehrspolitik

So kann der ÖPNV im Raum Rosenheim verbessert werden:

Schon bei den letzten Kommunalwahlen im Jahr 1996 beherrschte die Verkehrspolitik den Wahlkampf in Stadt und Landkreis Rosenheim . Und auch im nun angelaufenen Stimmenkampf stehen die nach wie vor drängenden Verkehrsfragen wieder im Mittelpunkt. Es wurde und wird in Rosenheim also viel geredet, getan hat sich bisher jedoch nur wenig. Gerade der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) stellt für die meisten noch längst keine brauchbare Alternative zum Auto dar. Im aktuellen Forum von INNdependent.de erklären die Verkehrsexperten von SPD und Grünen, die Stadträte Rudolf Purainer (64) und Franz Lukas (40), wie der ÖPNV in der Region verbessert werden kann.

Rudolf Purainer (SPD)
Rudolf Purainer (SPD)

Rund 250.000 Einwohner im Einzugsbereich warten auf den großen Wurf zur Lösung des Verkehrsproblems und auf ein attraktives Angebot zum Umstieg auf den Öffentlichen Personennahverkehr. Das 1992 beschlossene Gesamtverkehrskonzept für die Stadt Rosenheim sah unter anderem eine Bevorzugung des Bussystems vor, allerdings wurde bis dato kaum einer dieser schönen Pläne umgesetzt. Doch jetzt muss Schluss sein mit der Bereitstellung neuer Parkhäuser und neuen Parkraums, dem Vorrang des Parkens auf wichtigen Straßen. Ein ungehinderter Verkehrsablauf ist bitter nötig, der auch den Linienbussen zugute kommt. Der Stadtbusverkehr wird derzeit eher kastriert und ist von einer Alternative zum Individualverkehr noch Welten entfernt. Dies gilt allerdings zumindest teilweise auch für den regionalen Busverkehr. Ziel muss deshalb sein, das Zusammenwirken von Stadt- und Überlandbusverkehr in einer Art Verbund unter Einbeziehung der Schiene (vor allem auf der Inn- und Mangfalltalstrecke mit zusätzlichen Haltepunkten) hinzubekommen.

Man redet heutzutage viel von Schnittstellen, Vernetzung und Modal-Split. Gerade der Modal-Split für den ÖPNV verkümmert bei rund 8 Prozent vor sich hin. Kein Wunder! Wer steigt schon in Bad Endorf in den Zug oder den Bus, um etwa zum Aicherpark zu kommen? Oder von Bruckmühl zum Rosenheimer Krankenhaus? Nur der ohne Pkw. Damit ist keine Wende zu erreichen, schlechter schneidet keine andere Stadt in Bayern ab.

190.000 zugelassene Autos in Stadt und Landkreis verursachen tägliche Dauerstaus. Und es werden noch mehr, wenn die radikale Umkehr nicht gelingt. Dies wird zweifelsohne viel Geld kosten. Dazu darf der Stadtbusverkehr nicht kaputtgespart werden. Dazu muss am Bahnhof Rosenheim endlich ein moderner Omnibusbahnhof entstehen und die Linienführungen der Busse in der Stadt und teilweise auch im Landkreis müssen netzoptimiert werden. Dabei darf es keine Tabus geben. Warum sollte nicht ein Regionalbus bis zum Aicherpark fahren? Die demnächst stattfindende Fahrgastbefragung macht nur Sinn, wenn daraus Schlüsse gezogen und Maßnahmen folgen werden. Das Ziel muss sein: Ein Angebot, ein Fahrplan, ein Tarif. Die Busbeschleunigung darf nicht der Ideologie der möglichst ungehemmten Autonutzung und partikularen Interessen geopfert werden.

Die Schiene muss zusätzliche Haltepunkte, moderne Fahrzeuge mit noch besseren Takten und günstigeren Tarifen bekommen. Dem RoRegio-System sollte man wenigstens durch eine Machbarkeitsuntersuchung eine Chance geben. Die Befreiung der Straßen von vermeidbarem Verkehr kommt auch der heimischen Wirtschaft zugute. Wieviel unnötige Zeit und Geld wird hier auf der Straße gelassen und die Kunden müssen es bezahlen. Selbstverständlich muss durch die geplanten Umgehungsstraßen – so sie denn auch irgendwann kommen – der Durchgangsverkehr aus der Stadt heraus. Dadurch wird die City aber nur um rund 15 Prozent entlastet. Außerdem stammt die Zahl aus eigentlich schon wieder veralteten Zählungen. Seitdem ist die Verkehrsbelastung sicher bereits wieder gestiegen. Neue Parkplätze werden das Problem nicht lösen.

Eine Spirale ohne Ende? Nein! Es muss nur der politische Wille her, dem ÖPNV in seiner Gesamtheit uneingeschränkten Vorrang zu gewähren. Dies hat nichts mit Autofeindlichkeit zu tun, aber viel mit einer Entwicklung hin zu einer liebens- und lebenswerten Stadt, die Rosenheim bei nüchterner Betrachtung wegen der Verkehrsmisere zumindest in Teilbereichen längst nicht mehr ist. Mit Ankündigungen und Versprechungen ist es nicht getan. Das Übel gehört an der Wurzel gepackt. Dazu muss man den Mut zu unpopulären Entscheidungen haben. An Vorschlägen fehlt es nicht.

Der richtige Zeitpunkt ist nie, aber man muss endlich beginnen. Andere Städte haben es schon geschafft. Es gibt keine Alternative als die Attraktivitätssteigerung des ÖPNV. Der Umstieg vom Auto muss leicht fallen. Schließlich sind 50 Brieftaschen, die mit einem vollbesetzten Linienbus nach Rosenheim kommen, mehr als die von vielleicht fünf Insassen in drei Pkws, die den gleichen Raum beanspruchen. Es ist höchste Zeit. Damit es nicht mehr lange heißt: Wer nach Rosenheim will, muss einen langen Atem haben.

Franz Lukas (Grüne)
Franz Lukas (Grüne)

Für die Bewältigung der Mobilitätsbedürfnisse in der Zukunft reicht es nicht, den Öffentlichen Personennahverkehr ein wenig zu verbessern. Um „Neue Wege in der Verkehrspolitik“ zu gehen, bedarf es eines grundsätzlichen Wandels der bisherigen Verkehrspolitik. In den letzten Jahren wurde das Angebot des ÖPNV in Rosenheim systematisch zurückgebaut. Neben Linienstreichungen und Taktausdünnung wurden stetig die Preise erhöht. Hatte der Stadtverkehr Rosenheim vor wenigen Jahren noch rund 5,5 Millionen Fahrgäste pro Jahr, so sind es jetzt schon weniger als 4 Millionen pro Jahr.

Dieser Trend muss in Rosenheim umgekehrt werden. Dazu bedarf es eines zukunftsorientierten Konzeptes. Der ÖPNV muss schnell, bequem, pünktlich, kostengünstig und zu fast allen Zeiten verfügbar sein. Gute Ansätze für einen attraktiven Nahverkehr in der Region bietet das Konzept für eine Rosenheimer Regionalbahn „RoRegio“.

Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei das vorhandene Schienennetz der Region ein. Sechs Eisenbahnstrecken laufen sternförmig auf Rosenheim zu und können in relativ kurzer Zeit optimal für den ÖPNV genutzt werden. Was fehlt ist eine Verbindungsstrecke in das Stadtzentrum, zusätzliche Haltestellen, dort wo die Menschen wohnen und moderne Triebwägen. Eine Regionalbahn für die Rosenheimer Region ist der zeitgemäße Ansatz zur Lösung unserer Verkehrsprobleme: Moderne Schnellbahnen in Niederflurtechnik, die auf eigenen Trassen an allen Staus vorbeifahren. Modernste Elektronik macht es möglich, dass dasselbe Fahrzeug auf den vorhandenen Eisenbahnstrecken der Region und als Stadtbahn mitten in die Stadt fahren kann.

Das Stadtzentrum, Wohngebiete sowie Gewerbe- und Einkaufszentren müssen in kurzen Taktzeiten aus dem ganzen Landkreis erreichbar sein. Umgekehrt müssen Nachbarstädte, Landkreisgemeinden, Erholungsgebiete und Ausflugsziele von der Stadt aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen werden. Als erste Stufe des RoRegio-Konzeptes kann die Mangfalltalbahn entsprechend ausgebaut und mit einer Stichstrecke ab Brückenberg oder vom Bahnhof in die Innenstadt geführt werden. Die Stadtbahn soll mindestens jede Stunde, täglich von 5 Uhr bis 24 Uhr fahren. In den Hauptverkehrszeiten jede halbe Stunde, und bei Bedarf sogar jede viertel Stunde. Dies kann sehr schnell umgesetzt werden. Die Voraussetzungen sind günstig wie sonst selten, aber die Weichen müssen zuerst in den Köpfen gestellt werden.

Der öffentliche Personennahverkehr mit dem Bus wird dadurch nicht ersetzt. In der Region muss das Bussystem, als Zubringer für die Stadtbahn umstrukturiert werden. In Rosenheim ist der Stadtverkehr, für eine flächendeckende Versorgung auszubauen. Der Fahrplan wird mit den Taktzeiten der Stadtbahn abgestimmt.

Zur Bündelung und Koordination aller Maßnahmen im Nahverkehr ist die Gründung eines Rosenheimer Verkehrsverbundes (RVV) notwendig. Dringend erforderlich ist ein Tarifverbund aller Unternehmen, die am ÖPNV beteiligt sind. Das Tarifsystem muss einfach gegliedert sein (z.B. Zeitfahrkarten) und die Fahrkarten müssen in allen Verkehrsmitteln gültig sein.
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